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Oktober oder November: Das chaotische Kalender-Debakel der Russischen Revolution 1917

  • 11. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit
Weitwinkelaufnahme einer Menschenmenge vor dem Winterpalast in St. Petersburg mit riesigen Uhren und Kalenderblättern, die im eisigen Wind verwehen
Menschenmenge vor dem Winterpalast mit Uhren und Kalenderblättern

Die Russische Revolution von 1917 ist ein historisches Ereignis, das die Welt veränderte. Doch warum feiern die Russen den „Oktober“ erst im November? Die Antwort liegt in einem scheinbar banalen, aber entscheidenden Detail: dem Kalender. Dieses Kalender-Chaos sorgt bis heute für Verwirrung und amüsiert Historiker gleichermaßen. Wer hätte gedacht, dass ein Unterschied von 13 Tagen zwischen zwei Kalendern eine Revolution zeitlich verschieben kann? Und das ist noch nicht alles – eine Anekdote über die russische Olympia-Mannschaft von 1908 zeigt, wie dieser Unterschied sogar sportliche Ereignisse beeinflusste.


Der Kalenderstreit: Julianisch gegen Gregorianisch


Der Kern des Problems liegt im Unterschied zwischen zwei Kalendern: dem julianischen und dem gregorianischen Kalender. Der julianische Kalender wurde von Julius Cäsar im Jahr 45 v. Chr. eingeführt und war lange Zeit der Standard in Europa. Doch er hatte einen kleinen Fehler: Er überschätzte die Länge des Sonnenjahres um etwa 11 Minuten. Das klingt wenig, summierte sich aber über Jahrhunderte zu einem erheblichen Versatz.


Papst Gregor XIII. führte 1582 den gregorianischen Kalender ein, um diesen Fehler zu korrigieren. Dabei wurden 10 Tage übersprungen, um den Kalender wieder mit den Jahreszeiten in Einklang zu bringen. Die meisten westlichen Länder übernahmen diesen Kalender schnell, doch Russland hielt am julianischen Kalender fest – aus religiösen und politischen Gründen.


Bis zum 20. Jahrhundert betrug der Unterschied zwischen beiden Kalendern bereits 13 Tage. Das bedeutete, dass der 25. Oktober im julianischen Kalender dem 7. November im gregorianischen Kalender entsprach. Deshalb fand die „Oktoberrevolution“ in Wirklichkeit im November statt.


Die Russische Revolution und das Kalender-Chaos


Die Oktoberrevolution begann am 25. Oktober 1917 nach julianischem Kalender. Für den Rest der Welt war es jedoch der 7. November. Dieses Missverständnis führte zu kuriosen Situationen. Westliche Zeitungen berichteten von einer Revolution im November, während russische Quellen den Oktober nannten. Das sorgte für Verwirrung und ironische Kommentare.


Man stelle sich vor, wie die Menschen damals versuchten, ihre Termine zu koordinieren. Die Bolschewiki planten ihre Aktionen nach dem julianischen Kalender, während ausländische Diplomaten und Medien den gregorianischen nutzten. Dieses Durcheinander war mehr als nur ein Datum – es spiegelte die tiefen kulturellen und politischen Gräben wider.


Die Anekdote der russischen Olympia-Mannschaft 1908


Das Kalenderproblem hatte auch praktische Folgen, wie die Geschichte der russischen Olympia-Mannschaft von 1908 zeigt. Die Spiele fanden in London statt, und Russland schickte Athleten, die sich auf den julianischen Kalender verließen. Das führte dazu, dass sie zu spät zu den Wettkämpfen erschienen.


Die Mannschaft reiste nach dem julianischen Kalender, der 13 Tage hinter dem gregorianischen lag. Während die Organisatoren und andere Nationen bereits mit den Wettkämpfen begannen, kam das russische Team verspätet an. Die Folge: Einige Athleten verpassten ihre Wettbewerbe oder mussten unter erschwerten Bedingungen antreten.


Diese Episode zeigt, wie ein scheinbar technisches Detail wie ein Kalenderunterschied reale Auswirkungen haben kann – selbst bei einem internationalen Sportereignis.


Warum Russland den Kalenderwechsel so spät vollzog


Russland wechselte erst 1918 offiziell vom julianischen zum gregorianischen Kalender. Der Grund lag in der tiefen Verwurzelung des julianischen Kalenders in der russisch-orthodoxen Kirche und der Gesellschaft. Der Kalender war mehr als nur ein Zeitmesser; er war Teil der Identität.


Der Wechsel wurde durch die Bolschewiki nach der Revolution durchgesetzt, um Russland mit dem Westen zu synchronisieren. Doch bis dahin hatten sich die 13 Tage Unterschied festgesetzt und führten zu allerlei Missverständnissen.


Auswirkungen des Kalender-Chaos auf die Geschichtsschreibung


Das Kalender-Chaos erschwert Historikern die genaue Datierung von Ereignissen in Russland vor 1918. Viele Quellen geben Daten nach dem julianischen Kalender an, während andere den gregorianischen verwenden. Das führt zu Verwirrung bei der Interpretation von Dokumenten und Berichten.


Auch im Alltag der Menschen war der Unterschied spürbar. Geburtstage, Feiertage und wichtige Ereignisse wurden oft doppelt gefeiert oder missverstanden. Das zeigt, wie eng Zeitmessung mit Kultur und Politik verbunden ist.


Nahaufnahme einer alten Uhr mit zwei Zifferblättern, die den julianischen und gregorianischen Kalender symbolisieren
Alte Uhr mit zwei Zifferblättern für julianischen und gregorianischen Kalender

Fazit: Ein Kalender, der Geschichte schrieb


Das Kalender-Chaos rund um die Russische Revolution zeigt, wie technische Details Geschichte beeinflussen können. Der Unterschied von 13 Tagen zwischen dem julianischen und gregorianischen Kalender verschob nicht nur Daten, sondern auch Wahrnehmungen und Berichte. Die Anekdote der verspäteten Olympia-Mannschaft macht das Problem greifbar und unterhaltsam.


Wer sich mit der Geschichte Russlands beschäftigt, sollte immer daran denken: Der Oktober war eigentlich ein November. Dieses kleine Detail erinnert daran, dass Zeit nicht nur eine abstrakte Größe ist, sondern ein kulturelles und politisches Konstrukt, das unser Verständnis der Vergangenheit prägt.


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